m die Muschel nicht ganz zu verstören, blieb der Tiger ganz ruhig liegen, widerstand dem Reiz deutlicher zu schnüffeln, so schlecht roch die Muschel gar nicht, und bewegte beim Sprechen kaum die Lippen: „Ich habe vorhin zufällig gehört, was Ihr miteinander besprochen habt“ nuschelte er,“möchtet Ihr, daß ich Euch helfe?“
„Wie denn?“ hörte er sie nur wispern.

„Danke, dass du mich freigelassen hast,“ begann er artig und schmeichlerisch, um dann zu erzählen von seinen Erlebnissen und Abenteuern in den Wäldern, auf den Bergen und am Meer, von Ungeheuern, den Zweibeinigen, von Fischen so groß wie Bäume“ …und Muscheln, die könnten selbst einen Tiger verspeisen mit einem Schnapp, ja vielleicht sogar einen Elefanten.“

Berührt von der Grandiosität seiner Erzählung hielt er einen Moment inne und wurde gewahr, dass er sich zu voller Größe erhoben hatte, den Blick weit in die Ferne gerichtet. Er hörte das Rauschen des Windes, der durch die Baumwipfel strich, roch das Wasser und als er sich dorthin umdrehte, schaute er in zwei weit geöffnete Muscheln mit leuchtend weiss schimmernden Perlen, die wieder bis in die Tiefe seines Herzens strahlten.

Überallhin nehme ich Euch mit, bis hin zu den Wogen des Meeres, gebt mir nur Eure Kostbarkeiten, der Puma-Dame zu Ehren“ beschwor er sie.

Ein schnatterndes Gewisper hob an, verebbte plötzlich und in die nachdenkliche Stille hinein sagte eine der beiden Muscheln: „Du wirst unsere Perlen haben und wir sind vertrocknet“ und eh er sich’s versah, schnappten sie zu, wieder unscheinbar und flach wie die Steine im Bach.

„Halt“ rief er, bemüht nicht zu brüllen, und beim „H“ wusste er es noch nicht, beim „t“ dann sehr genau, wie er sie bereden konnte.

„Hört, wenn ich euch auch nicht mitnehmen kann, so kann ich euch jedoch von meinen neuen Abenteuern berichten, mit allen Geschehnissen, den Farben, Gerüchen und Geräuschen, so als würdet ihr es selbst erleben. Und ihr gebt mir dafür eure Kostbarkeiten.“

Die Muscheln berieten sich und nach einer Zeit kündeten sie ihm ihren Entschluss:“Du bekommst bei jedem nächsten Treffen für deine Erzählungen eine Perle, aber du darfst nur einmal in der Woche erscheinen, damit du genügend erlebt hast und wir auch lange genug vorher gespannt sein können.“

Er stimmte zu – was blieb ihm auch anderes übrig – und aufgeregt kehrte er nach einer Woche zurück, beladen mit einem Dutzend Abenteuern, die er hastig und ungeduldig absolviert hatte.         Mit der Perle, die er nun vereinbarungsgemäss erhielt, eilte er den weiten Weg zur Puma-Dame, die dem herrlichen Glanz nicht widerstehen konnte. Und so trug es sich auch die folgenden Wochen zu, und nun vollends entbrannt, lockte der Tiger mit noch gewaltigeren Erzählungen, noch wagemuti-geren Abenteuern die Freunde und Verwandten der Muscheln, ihm zum Preis einer Wochenperle lauschen zu dürfen.

Sechsundfünfzig mal konnte er eine Perle tauschen gegen einen Kuss – für jede Woche des Jahres und die vier Himmelsrichtungen eine – dann waren die Erzählungen verbraucht, alle Muscheln ohne Glanz unscheinbar wie die Steine und die Puma Dame reihte die Perlen zu einer Halskette.


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